Wackelzahn + Pubertät = Wackelzahnpubertät? Warum dein Kind plötzlich Kopf steht (und wie du ruhig bleibst)

Stell dir vor es ist Dienstagmorgen. Du hast es ziemlich eilig, die Kaffeetasse balancierst du noch halbvoll in der Hand und eigentlich müsst ihr nur noch die Schuhe an. „Schatz, zieh bitte deine Sneaker an“, sagst du in deinem allersonnigsten Tonfall. Und dann passiert es: Ein Blick, der Blitze schleudert, die Arme werden fest verschränkt, und ein herzliches „Lass mich in Ruhe!“ schallt durch den Flur. „Geh weg, du Kack-Mama!“ hast du vielleicht auch schon gehört, oder vielleicht wurden bei euch auch schon Türen zugeschlagen und Dinge in Ecken geworfen.

Bäm. Willkommen im Club! Du fragst dich wahrscheinlich gerade: „Ist mein süßes Kleinkind über Nacht durch ein wütendes Pubertier ersetzt worden?“ Keine Sorge, dein Kind ist nicht „kaputt“ und du hast in der Erziehung nicht versagt. Wir stecken mitten in der Wackelzahnpubertät. Auch wenn sich diese Phase oft wie ein emotionaler Hindernislauf anfühlt, ist sie eigentlich ein Grund zum Feiern: Dein Kind macht gerade einen riesigen Sprung in seiner Entwicklung. Wir sagen oft: „Wackeln die Zähne, wackelt die Seele.“

Was ist die Wackelzahnpubertät?

Der Begriff „Wackelzahnpubertät“ ist kein wissenschaftlicher Fachbegriff, sondern eine umgangssprachliche Bezeichnung für verschiedene Entwicklungsprozesse im Vorschul- und frühen Grundschulalter. Viele Eltern erleben diese Zeit dennoch als ähnlich herausfordernd wie die spätere Pubertät. Diese Phase beschreibt eine Zeitspanne zwischen ca. dem 5. und 8. Lebensjahr. Es ist sozusagen die Brücke zwischen der Autonomiephase des Kleinkindalters und der „echten“ Pubertät. Biologisch gesehen ist diese Phase ein echtes Feuerwerk. Neurologische Reifungsprozesse, zunehmende kognitive Fähigkeiten und die soziale Entwicklung sorgen dafür, dass Kinder ihre Umwelt plötzlich anders wahrnehmen, sowie bewerten und sorgen dafür, dass die Gefühlswelt deines Kindes Kopf steht. Es ist, als würde dein Kind gerade seine „großen Flügel“ ausprobieren: Es will weit fliegen, stellt aber fest, dass das Flattern ganz schön anstrengend ist und es immer wieder den sicheren Hafen, seine Wurzeln und die Verbindung zu dir braucht.

Dein Kind hat Zeit! Die Entwicklung verläuft extrem individuell. Während bei dem einen schon mit fünf die ersten Milchzähne klappern, lässt sich das andere bis zum siebten Geburtstag Zeit. Vergleiche dein Kind nicht mit dem Nachbarskind, jedes Entwicklungstempo ist genau richtig. Viele Eltern erleben ihr Kind in dieser Zeit als widersprüchlich: Eben noch fordert es lautstark mehr Selbstständigkeit ein, kurz darauf möchte es auf den Schoß, getragen werden oder braucht Unterstützung bei Dingen, die es eigentlich längst kann. Dieses Wechselspiel ist kein Zeichen von Unreife, sondern Ausdruck einer zentralen Entwicklungsaufgabe: Kinder lernen, sich von ihren Eltern zu lösen, ohne die Verbindung zu verlieren.

Wissenschafts-Check: Drei Säulen der Veränderung

Um dein Kind feinfühlig begleiten zu können, hilft ein Blick hinter die Kulissen. Das Gehirn entwickelt sich in dieser Zeit rasant weiter. Besonders Bereiche, die für Emotionsregulation, Impulskontrolle, Perspektivübernahme und soziales Denken wichtig sind, machen große Entwicklungsschritte und diese Veränderungen findet auf mehreren Ebenen gleichzeitig statt:

    • Körperlich: Es beginnt meist mit dem Zahnwechsel, der sich über Jahre zieht. Dazu kommen häufig ordentliche Wachstumsschübe, oft eine veränderte Motorik und häufig auch ein immenser Bewegungsdrang. Auch das Thema Aufklärung rückt immer mehr in den Fokus: Kinder bemerken z.B. körperliche Unterschiede intensiver und stellen häufiger Fragen wie „Wo komme ich eigentlich her?“. Das ist ein völlig gesunder Teil der körperlichen Identitätsfindung.

    • Kognitiv: Das Gehirn lernt u.a. das Verständnis von Gleichzeitigkeit. Ein z.B. 7-jähriges Kind kann nun begreifen, dass eine Person gleichzeitig wütend auf jemanden sein und ihn dennoch liebhaben kann. Auch der Perspektivwechsel wird immer besser möglich: Dein Kind lernt, die Welt durch die Augen eines Freundes zu sehen, das ist ein Meilenstein für die Empathie! Viele Kinder entwickeln in dieser Phase außerdem einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Plötzlich wird genau beobachtet, wer wie viel bekommt, wer welche Regeln einhalten muss und ob Erwachsene sich selbst an ihre Vorgaben halten. Sätze wie „Das ist unfair!“ oder „Warum darf sie das und ich nicht?“ gehören deshalb häufig zum Familienalltag. Dahinter steckt oft die wachsende Fähigkeit Regeln, Moral und soziale Beziehungen differenzierter zu betrachten. 
 
    • Emotional: Willkommen in der Welt der Gefühlsstürme! Emotionen werden viel feinfühliger und intensiver wahrgenommen. Viele Kinder schwanken zwischen riesigem Selbstbewusstsein („Ich kann das allein!“) und neuen, tiefen Ängsten. Besonders wichtig: Soziale Vergleiche gewinnen immer mehr an Bedeutung. Dein Kind fragt sich z.B.: „Wer bin ich im Vergleich zu den anderen?“ Häufig nutzen Kinder diese Vergleiche nicht, um anzugeben, sondern um seine eigene soziale Identität innerhalb der Peer-Group zu formen. Gleichzeitig wird die Meinung anderer Kinder immer wichtiger. Freundschaften werden intensiver erlebt, Konflikte können stärker belasten und Ablehnung wird oft viel bewusster wahrgenommen als noch im Kindergartenalter. Viele Kinder wirken deshalb empfindlicher, obwohl sie innerlich eigentlich gerade mehr Stärke und Eigenständigkeit entwickeln. 
 
    • Perfektionismus: Mit der zunehmenden Selbstwahrnehmung wächst bei vielen Kindern auch der Anspruch an sich selbst. Manche reagieren plötzlich frustriert, wenn etwas nicht sofort gelingt, vergleichen sich mit anderen oder haben Angst Fehler zu machen. Eltern erleben ihr Kind dann manchmal überraschend empfindlich oder selbstkritisch. Auch das gehört häufig zu den Entwicklungsschritten dieser Lebensphase.
 
    • Diskussionsfreude: Viele Eltern berichten, dass ihr Kind plötzlich über alles diskutieren möchte. Was früher einfach akzeptiert wurde, wird nun hinterfragt. Das liegt unter anderem daran, dass Kinder beginnen, Zusammenhänge besser zu verstehen und eigene Standpunkte zu entwickeln. Diskussionen sind daher oft ein Zeichen von Entwicklung und nicht automatisch mangelnde Kooperation.
 
    • Schulkind-Dilemma: Mit dem Schuleintritt verändert sich häufig auch die Rolle des Kindes. Es soll selbstständiger werden, Verantwortung übernehmen und neue soziale Anforderungen bewältigen. Gleichzeitig braucht es aber weiterhin viel emotionale Unterstützung. Viele Konflikte entstehen genau aus diesem Spannungsfeld: Von außen wirkt das Kind schon groß, innerlich braucht es jedoch oft noch genauso viel Sicherheit wie früher.
 

Fazit: Viele Verhaltensweisen der Wackelzahnpubertät entstehen genau deshalb, weil Kinder gleichzeitig mehr Selbstständigkeit wollen und mehr Sicherheit brauchen.

Der „Du Kack-MaPa“-Moment: Ein Fallbeispiel aus der Praxis

Lerne Tom kennen. Tom ist sieben Jahre, stolzer Besitzer mindestens einer Zahnlücke und eigentlich ein echtes „Herzblatt“, so beschreibt ihn seine Mutter immer wieder. Doch heute beim Abendessen eskaliert es. Tom möchte den roten Becher, der aber in der Spülmaschine steht. Als sein Papa den blauen vorschlägt, explodiert er: „Du blöder Kack-Papa, du bist so gemein!“

Was ist hier passiert? Tom steckt im Spannungsfeld zwischen Selbstwirksamkeit und Verbindung. Er will selbst entscheiden (Flügel), spürt aber gleichzeitig die Ohnmacht, dass er die Situation nicht kontrollieren kann. Als „MaPa“-Einheit (Mama und Papa) fühlen wir uns hier oft angegriffen. Doch das Schimpfwort ist in diesem Moment kein Zeichen von mangelndem Respekt, sondern ein hilfloser Versuch Autonomie auszudrücken. Hinter dem „Du Kack-MaPa“ steckt eigentlich: „Ich bin gerade völlig überfordert mit meinen Gefühlen und brauche dich, um wieder sicher zu landen.“ 

Besonders herausfordernd ist dabei, dass Kinder in diesem Alter ihre Gefühle zwar immer differenzierter wahrnehmen, sie aber noch nicht zuverlässig regulieren können. Sie verstehen bereits viel mehr als früher, verfügen aber noch nicht über die emotionalen Fähigkeiten eines Jugendlichen oder Erwachsenen. Genau dadurch entsteht häufig die Diskrepanz zwischen dem, was Kinder wollen, und dem, was sie in belastenden Situationen tatsächlich umsetzen können.

Warum das Ganze für uns Eltern so anstrengend ist

Seien wir ehrlich: Diese Phase ist ein für viele Kraftakt. Routinen, die eine Zeit lang funktioniert haben, greifen plötzlich nicht mehr. Die vielen starken Gefühlsmomente gehören immer mehr zur Tagesordnung und fordern unsere Geduld bis aufs Äußerste.

Es ist okay, wenn du dich ausgelaugt fühlst. Es ist okay, wenn du menschlich reagierst und auch mal laut wirst, ungeduldig bist oder einfach nicht mehr „tragen“ kannst. Aber denk daran: Machtkämpfe können die Verbindung zerstören, zumindest negativ beeinflussen. Und ein Ziel sollte auch nicht sein den Willen des Kindes zu brechen, sondern immer Konflikte in Verbindung zu lösen. Dein Kind braucht dich gerade jetzt als sicheren Anker, wenn sein eigener emotionaler Ozean peitscht. Nicht selten berührt die Wackelzahnpubertät auch unsere eigenen Themen: Wenn Kinder diskutieren, Grenzen testen oder starke Gefühle zeigen, kann das bei Erwachsenen Stress, Hilflosigkeit oder alte Erfahrungen aktivieren. Deshalb geht es in dieser Phase nicht nur um die Entwicklung des Kindes, sondern oft auch darum, wie wir selbst mit Konflikten, Emotionen und Kontrollverlust umgehen.

Deine Impulse für mehr Leichtigkeit im Alltag

Wie kommt ihr nun stressfreier durch diese Zeit? Hier sind meine bindungsorientierten Impulse für dich:

    • Haltung bewahren: Sieh das Wissen um diesen Entwicklungsschritt als deinen persönlichen „Beziehungsbooster“: Es ist eine Phase und zum Glück kein Dauerzustand.

    • Gefühle begleiten: Dein Kind wandert oft zwischen „Wutvulkan“ und „Tränenmeer“. Nimm diese intensiven Emotionen an, statt sie zu unterdrücken und hilf deinem Kind, die Wut sicher rauszulassen, ohne sich oder jemand anderen zu verletzen.

    • Spielen statt Schimpfen: Humor ist häufig die beste Medizin! Wenn der Socken-Machtkampf droht, lass die Socken doch mal „sprechen“ oder macht ein Wettrennen daraus, ja auch bei Grundschulkindern kommen lustige Spiele noch gut an, denn Kinder nutzen gemeinsame Quatschspiele als Beziehungszeit! Und spielerische Leichtigkeit nimmt dem Konflikt oft den Wind aus den Segeln, bevor er eskaliert.

    • Raus aus dem Machtkampf: Wenn du merkst, dass ihr euch verkeilt, dann nutze köprerorientierte Regulierungsstrategien, wie eine bewusste Atmung, mit den Füßen erden, ein Glas Wasser trinken oder z.B. die 5,4,3,2,1 Methode. Und sobald du dich reguliert hast, sucht gemeinsam nach Lösungen („Wie können wir das Problem mit dem Becher lösen?“), statt auf dein Recht als „Bestimmer“ zu pochen.

    • Vertrauen statt Strafe: Setze auf die Kraft der Grenze/Orientierung. Grenzen und Orientierung schenken oft Sicherheit. Grenzen setzen bedeutet hier v.a. klare, kindgerechte Aussagen, um seine eigenen Grenzen zu wahren, ohne das Kind zu beschämen. Vertrauen in die Entwicklung deines Kindes ist nachhaltiger als jede Strafe.

 

So herausfordernd die Wackelzahnpubertät sein kann: Nicht jedes auffällige Verhalten lässt sich allein durch diese Entwicklungsphase erklären. Wenn ein Kind über längere Zeit stark leidet, extreme Ängste entwickelt, dauerhaft aggressiv wirkt oder erhebliche Schwierigkeiten im Alltag zeigt, kann es sinnvoll sein, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Mein Fazit: Nutzt die Wackelzahpubertät, um gemeinsam zu wachsen!

Wenn wir mal ehrlich sind, dann ist die Wackelzahnpubertät eine wertvolle Zeit. Für dich und dein Kind. Dein Kind lernt gerade, wer es/sie ist, wie Freundschaften funktionieren und wie es/sie auf eigenen Beinen steht. Ja, es wackeln die Zähne, aber manchmal wackelt eben auch die „Seele“ und genau dafür braucht es deine emotionale Präsenz und Begleitung. Und wir Eltern lernen in jeder Entwicklungsphase dazu, wir wachsen mit. Wir lernen uns und unsere Kinder besser kennen. Und letztlich macht das Beziehung und tiefe, vertrauensvolle Verbindung aus: Auch in anstrengenden und kräftezehrenden Phasen zusammen in eine Richtung zu schauen und diese gemeinsam zu meistern.

Wenn du merkst, dass du Unterstützung brauchst, um aus der Spirale von Streit und Machtkämpfen auszusteigen, bin ich für dich da. Schau gerne meine Angebote für Eltern und Fachkräfte an.

Btw: Du machst das toll. Bleib in Verbindung!

Liebe Grüße, Caro

Deine Familienexpertin

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